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Interview mit Gründerin Sophie Neuhaus: „Ich bekam das Gefühl, dass es mehr gibt, für das es sich lohnt einzustehen.“

Liebe Leser, warum mir dieser Blog so Spaß macht? Warum ich gerne meine Zeit, meine Gedanken, mein Geld und mein Herzblut hier rein stecke?
Weil ich mich darüber freue, andere Menschen zu inspirieren. Andere dazu zu bewegen, vielleicht etwas am eigenen Leben zu verändern.  Vielleicht das eigene Konsumverhalten, das gedankenlose Kaufen von Dingen, die großen Shoopingtouren – ohne dabei daran zu denken, wo all diese Dinge herkommen und wie es den Menschen geht, die sie unter schlechten Bedingungen produzieren.
Oder das Verlangen von jetzt auf gleich den alten job hinzuschmeißen und etwas Neues anzufangen, das uns erfüllt. Für beides gleichermaßen steht Sophie Neuhaus, Gründerin des Fairtrade- Onlineshops amodini. Lasst euch bewegen, ich bin es bereits:

1) Sophie, du bist Gründerin des großartigen Fair-Trade-Onlineshops amodini. Wie ist die Idee zu amodini entstanden?
Sophie: Ehrlich gesagt bin ich zur Gründung von amodini über einen Umweg gekommen. Zuvor war ich mehrere Jahre in der Steuerberatung tätig. Als jedoch irgendwann die Zeit reif für eine Veränderung war und ich mich von meinem damaligen Arbeitgeber von Frankfurt nach Hamburg versetzen lassen wollte, bat ich um ein Sabbatical. In dieser Zeit bin ich dann zuerst nach Indien gereist und habe bei der lokalen NGO Sambhali Trust Freiwilligendienst geleistet. In Rajasthan habe ich „untouchable“ Kinder in Englisch und Mathematik unterrichtet. (Mit „untouchable“ sind Kinder gemeint, die in keiner Kaste sind und daher noch weniger Chancen im Leben und sozial noch benachteiligter sind.)
Als ich zurück nach Deutschland kam, war nichts mehr wie es vorher war. Völlig aufgeladen von Eindrücken und Erlebnissen fing ich an zu überlegen, was ich mit meinem BWL-Studium und der Ausbildung in der Steuerberatung „Sinnstiftendes“ machen könnte. Ich bin dann auf das Thema Fair Trade gestoßen, da die indische NGO neben dem Unterrichtsprojekt ein Women Empowerment-Projekt initiiert hat, in dem Produkte hergestellt und auf dem lokalen Markt in Jodhpur verkauft werden. Mit der Idee, Produkte aus derartigen Projekten in Deutschland zu vertreiben, begann ich mit der Konzeptionierung von amodini.

2) Was zeichnet amodini aus? Wie ist das Konzept hinter dem Shop und warum tun wir mit jeder Shoppingtour bei euch gleichzeitig etwas Gutes?
Sophie: Mit amodini wollen wir zeigen, dass Fair Trade Produkte längst nicht mehr das „Öko-Müsli“-Image bedienen müssen, das leider doch noch viel zu fest in den Köpfen der Konsumenten verankert ist. Auch wenn sich über Geschmack natürlich streiten lässt, suchen wir gezielt nach Produkten, die auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen und die wir auch selber kaufen würden. Mit unserem Ansatz „telling the story“ wollen wir zudem der interessierten Kundin mehr darüber erzählen, wer hinter der Herstellung der Produkte steht, wo die Produkte genau herkommen und welche sozialen Auswirkungen damit verbunden sind. Alle Produkte bei amodini werden unter fairen und menschenwürdigen Bedingungen hergestellt. Wir verfolgen damit den Ansatz der „Hilfe zur Selbsthilfe“, d.h. wir wollen weg von Spenden hin zur Unterstützung von benachteiligten Menschen. Wir wollen ihnen zu einer würdevollen Arbeit und Ausbildung verhelfen, mit der sie selber Geld verdienen und wirtschaftlich agieren können. Wer bei amodini etwas kauft, unterstützt also diesen Ansatz und trägt dazu bei, dass die Projekte wachsen und noch mehr Menschen einer Berufstätigkeit nachgehen können.

3) Fair Trade ist ein häufig gebrauchter Begriff, oft nicht richtig definiert. Was bedeutet er für euch?
Sophie: Es ist richtig, dass der Begriff „Fair Trade“ ähnlich wie der Begriff „Bio“ nicht gesetzlich geschützt ist. Wie bereits schon erwähnt, ist das erste und wichtigste Kriterium, auf das wir bei der Auswahl eines Projektes achten, dass die Kunsthandwerker/innen für ihre Arbeit eine faire Entlohnung erhalten. Außerdem müssen die Arbeitsbedingungen menschenwürdig sein, auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass „menschenwürdig“ in den Ursprungsländern der Produkte anders ausgelegt wird als in Deutschland und wir ein anderes Empfinden für beispielsweise Sicherheit und Sauberkeit haben. Darüber hinaus achten wir darauf, dass die Produkte nicht unter Zwangs- oder Kinderarbeit hergestellt werden und Frauen bei Bedarf die Möglichkeit haben, auch von zuhause aus zu arbeiten, damit sie die Arbeit und Versorgung ihrer Kinder einfacher koordinieren können. Viele der Projekte sind auch zertifiziert, jedoch nicht alle, da der Zertifizierungsprozess so kostspielig ist, dass kleine Projekte nicht immer die finanziellen Mittel dazu haben. Wir wollen aber bewusst auch solche Projekte unterstützen und ihnen zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

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4) Was hat sich seit der Gründung des Onlineshops und deiner Arbeit für die Organisation Sambali Trust in Indien alles verändert?
Sophie: In den vergangenen drei Jahren habe ich unglaublich viel gelernt. Zum einen natürlich in fachlicher Hinsicht. Wie gründe ich ein Unternehmen? Was bedarf es zum Aufbau eines Onlineshops? Wie und wo finde ich meine Zielgruppe? Wie und wo kommuniziere ich, dass es mein Unternehmen gibt? Wie wirken Social Media und SEO/SEM? .
Zum anderen über mich persönlich, über das Umfeld, in dem ich mich täglich bewege, mein eigenes Konsumverhalten, meine Einstellung zu gewissen Themen und ich habe gelernt die Dinge vermehrt kritisch zu hinterfragen.

5) Du hast daraufhin deinen Job in einem Wirtschaftsberatungsunternehmen aufgegeben und dich in das Abenteuer Selbstständigkeit gestürzt. Was genau hat dich dazu bewegt etwas zu verändern?
Sophie: In Indien durfte ich in das echte indische Leben eintauchen. Ich wohnte damals bei einer indischen Familie, die in einem kleinen 3.000-Seelen-Dorf lebt. Auch wenn die Familie dort als wohlhabend galt, war die Behausung wirklich sehr sehr einfach. Trotzdem haben mir die Menschen während meiner Zeit vor Ort so viel von sich gegeben – ich hatte das Gefühl, von Anfang an Teil ihrer Familie sein zu dürfen. Auch die Organisation agiert wie eine große Familie und es besteht ein tiefes Vertrauen untereinander. Das alles zu erleben und zu sehen, dass die Arbeit der NGO tatsächlich etwas sehr Positives für die Frauen und Familien bewirkt, hat mich veranlasst, noch mal über mein eigenes Dasein nachzudenken und ich bekam das starke Gefühl, dass es da noch mehr gibt, für das es sich lohnt einzustehen.

6) Aus welchen Ländern kommen die Menschen , die ihr unterstützt?
Sophie: Die Artisans stammen alle aus Entwicklungsländern. Die überwiegenden Projekte sind in Indien lokalisiert, aber darüber hinaus haben wir Projekte in Südostasien, Afrika und Südamerika. Auch die Größe der Projekte variiert sehr stark. So werden einige unserer hübschen Armbänder z.B. in Kenia von einer Gruppe von nur ungefähr 12 gehörlosen Frauen hergestellt. Die Ledertaschen werden dagegen beispielsweise in einer „alteingesessenen“ Produktionsstätte in Indien hergestellt, die bereits seit 40 Jahren erfolgreich unter Fair-Trade-Bedingungen agiert und über 100 Menschen beschäftigt.

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7) Wie steht ihr in Kontakt mit den Frauen, die die tollen Produkte produzieren? Gibt es einen ständigen Austausch und bist du selber öfters vor Ort?
Sophie: Bei allen Projekten gibt es eine Person, die für die Kommunikation und Koordination zuständig ist. Mit ihnen stehen wir im engen Kontakt, insbesondere wenn die Produkte hierzulande so stark nachgefragt sind, dass wir öfters nachbestellen müssen. Im Herbst 2014 bin ich noch mal nach Indien gereist und habe alle dortigen Projekte mit Ausnahme von einem besucht, um mir selbst ein Bild von den Geschehnissen und Arbeitsbedingungen vor Ort zu machen. Indien bot sich an, da hier viele unserer Projekte liegen, aber zu den anderen Projekten habe ich es bisher leider noch nicht geschafft, da sie weltweit verstreut liegen und das die Reiseplanung doch etwas erschwert.

8)  Neben der Unterstützung der Künstler/innen durch den Verkauf der handgefertigten Produkte, spielt auch das soziale Engagement eine Rolle. Wie werden die Menschen diesbezüglich unterstützt?
Sophie: In den Entwicklungsländern, aus denen wir unsere Produkte beziehen, sind die für uns in Deutschland gängigen Sozialleistungen wie z.B. die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Gewähr von Mutterschutz oder Kranken- und Arbeitslosenversicherung leider keine Selbstverständlichkeit. Die von amodini unterstützen Projekte setzen – neben den bereits oben genannten Fair-Trade-Kriterien – bei diesen Themen an und gewähren derartige Leistungen und zeigen Engagement bei der Bildungs- und Aufklärungsarbeit oder der Unterstützung bei der Altersvorsorge.

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9) So ein Projekt stampft man ja nicht gerade mal aus dem Boden, dein Job ist nicht 9-to-5, wie erholst du dich? Wo tankst du auf?
Sophie: Schon mit 16 Jahren habe ich angefangen, regelmäßig laufen zu gehen, mal mehr, mal weniger, auf Wettkämpfe trainiert oder auch einfach nur so zu Laufen. Über all die Jahre hat mir das Laufen geholfen, meine Balance zu halten oder wiederzufinden. Beim Laufen kann ich nicht nur abschalten, sondern komme ebenso auf neue Gedanken und finde meine Motivation für neue Dinge. Mit Mitte 20 habe ich dann mit Yoga angefangen. Wer selber Yoga macht, dem brauche ich nicht erzählen, welche Energie hierbei freigesetzt wird. 🙂

10) Hat das Projekt deinen Umgang mit Menschen und deine Achtsamkeit im Alltag verändert?
Sophie: Ich würde zwar von mir behaupten, dass ich schon immer recht umsichtig mit meinen Mitmenschen und der Natur umgegangen bin, aber trotzdem hat mir die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema des fairen Handels doch noch mal die Augen hinsichtlich meines Konsumverhaltens geöffnet. Für große Shopping-Touren konnte ich mich noch nie so recht begeistern, aber heute bin ich noch „komplizierter“ geworden, da ich stark hinterfrage, ob ich das neue Kleidungsstück tatsächlich brauche. Damit kann ich allein zwar nicht „die Welt retten“, aber einen ersten Schritt zu einer verbesserten Herstellung von Kleidung beitragen. Und wenn vielleicht eines Tages jeder einzelne von uns sein Konsumverhalten in Frage stellt, könnten wir alle gemeinsam doch noch etwas Großes bewegen!

Sophie, ich danke dir von Herzen für das tolle Interview, deine Ehrlichkeit und wünsche uns allen denselben Mut, den du hast! Möge dein Projekt immer weiter wachsen!!

amy's love

"Das Leben ist zu kurz, um kein Yoga zu machen!" Simone liebt Yoga, Schreiben, das Meer, die Sonne und ist auf der Suche nach einem happy, healthy Lifestyle. Wenn sie nicht gerade nachdenkt, haut sie in die Tasten oder ist auf der Matte zu finden!

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"Das Leben ist zu kurz, um kein Yoga zu machen!" Simone liebt Yoga, Schreiben, das Meer, die Sonne und ist auf der Suche nach einem happy, healthy Lifestyle. Wenn sie nicht gerade nachdenkt, haut sie in die Tasten oder ist auf der Matte zu finden!

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