Interviews
Schreibe einen Kommentar

Heike Scholz: „Achtsamkeit praktiziere ich schon seit so vielen Jahren“

Gestern habe ich einen Artikel zum Thema Achtsamkeit und digitalem Konsum geschrieben. Der wurde übrigens durch dieses Interview hier angeregt. Wenn ihr da gedacht habt, äh die bloggt doch selbst und nutzt das alles, dann setze ich da jetzt noch einen drauf. Die Mobile-Queen Heike Scholz (vielen ist ihr Blog Mobile Zeitgeist ein Begriff) hat ein neues Projekt am Start: The Dignified Self. Dabei gehts um Achtsamkeit in einer digitalisierten Welt. Die Aktion soll Orientierung geben, zur Diskussion beitragen und nicht die Technologien, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Klingt gut? Finde ich auch! Bühne frei für eine Frau mit inspirierenden Einsichten, einem klaren Blick und einer Botschaft, die besser nicht sein könnte: Erkenne und liebe dich selbst! 

1) Liebe Heike, du bist ein Star am Online-Marketing Himmel und das ist wahrlich nicht zu dick aufgetragen. Wie würdest du dich selbst mit 140 Zeichen beschreiben?
Heike: Wow, da werde ich ja rot. Danke! Dann versuche ich mal, das zu komprimieren:Mobilista, Smartphone Addict, Digital Immigrant, Entrepreneur, Speaker, Blogger, and Motorbike Driving Woman from Northern Germany :D

2) Wie ist die Idee zu „The Dignified Self“ entstanden?
Heike: Die Idee hatte Lilian Güntsche, die selbst seit Jahren als Mobile-Expertin Unternehmen berät. Wir haben uns durch unsere Berufe vor ein paar Jahren kennen und schätzen gelernt und vor ein paar Monaten kam Lilian auf mich zu, um mir THE DIGNIFIED SELF vorzustellen. Ich war gleich begeistert und als sie mich dann fragte, ob ich dabei sein wolle, habe ich sofort zugesagt. Lilian und ich teilen eine gemeinsame Historie in der Mobile-Branche. Wir sind so viele Jahre dabei und versuchen, die Menschen von der mobilen Internetnutzung zu begeistern, helfen Unternehmen auf ihrem Weg in die mobile Welt und freuen uns, dass nun endlich der Durchbruch geschafft ist, denn die Welt ist endlich mobil! Doch sind wir bei aller Begeisterung für mobile Technologien nicht blind und sind davon überzeugt, dass wir uns auch mit den negativen Auswirkungen digitaler Technologien beschäftigen müssen. In einem Land der Ingenieure, was Deutschland heute immer noch ist, sprechen wir ganz schnell sehr viel über Technologien und darüber, wie etwas technisch umgesetzt werden kann. Oftmals verlieren wir dabei den Menschen aus den Augen. Und das möchten wir versuchen, zu ändern.

3) Kannst du kurz erklären, was das Hauptanliegen des Projekts ist und was dich daran so begeistert hat?
Heike: Wir befinden uns zurzeit in der vierten industriellen Revolution, meist „Digitale Transformation“ genannt. Diese Digitalisierung verändert unser Leben, unsere Arbeit und auch uns so gravierend, dass es manche Menschen heute verunsichert. Dabei stehen wir erst ganz am Anfang der Entwicklung und wir lernen ständig, mit den neuen Möglichkeiten „gut“ umzugehen. Es nicht einfach ist zu definieren, was genau für wen „gut“ ist. Wenn jemand wie ich weit mehr als 30 mal am Tag nach seinem Smartphone greift, ist das für mich ganz normal und gut, für jemand anders ist das vielleicht ein deutliches Suchtverhalten und er würde mir zu einer Therapie raten. Wir sehen verschiedene Abwehrreflexe gegen die Digitalisierung, Diskussionen werden häufig wenig sachlich geführt und oftmals sind wir von konkreten Lösungen für Probleme noch weit entfernt, beginnen wir doch erst mit der Beschreibung dessen, was denn Probleme sind oder sein könnten. Hier möchten wir mit THE DIGNIFIED SELF Orientierung geben, zur Diskussion beitragen, Tipps und Tricks bereit halten, Dialoge initiieren und vor allem in unserer digitalisierten Welt nicht die Technologien, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Dabei möchten wir insbesondere unsere LeserInnen und Fans zu Wort kommen lassen, damit wir alle voneinander lernen und verstehen können, wie unendlich viele Sicht- und Handlungsweisen es gibt.

4) Es geht, kurz gesagt, um mehr „Achtsamkeit im digitalen Alltag“, der ständig auf uns herein prasselt. Wie können wir diese Achtsamkeit lernen, was braucht es deiner Meinung nach dazu?
Heike: Der Begriff der Achtsamkeit hat sich mittlerweile zu einem Buzzword entwickelt und wird schon recht inflationär verwendet. Jedoch beschreibt er sehr gut, worum es uns (auch) geht, nämlich das (selbst-)bewusste Handeln, wenn wir uns mit digitalen Technologien umgeben. Hierfür müssen wir die Dinge an uns heranlassen, um sie zu verstehen und sie dann so zu verwenden, dass sie uns nutzen und nicht schaden.
Uns geht es nicht um Maschinenstürmerei und Verteufelung von Smartphones oder des Internets und auch nicht um die Verteilung von mehr oder wenig originellen Kalendersprüchen vor schönen Bildern. Wir möchten, dass die Menschen die Chancen, die in der Digitalisierung stecken, erkennen und freudig begrüßen. Und dennoch sehr genau auf sich selbst achten und gleichzeitig für sich und die eigenen Bedürfnisse sorgen, wozu es gehören kann (aber nicht muss), eben genau diese Technologien auch einmal links liegen zu lassen.

Logo_Icon_gold

5) Mir passiert es sehr oft, dass ich mich im digitalen Wust aus vielen tollen Artikel verliere, von Hölzchen auf Stöckchen komme und mich auf einmal frage „Moment mal, was wolltest du eigentlich ursprünglich machen“? Würdest du sagen, dass ist ein Klassiker, mit dem wir alle zu kämpfen haben?
Heike:Ja, natürlich kämpfen wir alle mit den Ablenkungen, die das Internet für uns bereit hält. Unsere Gehirne sind evolutionär darauf ausgerichtet, bei jedem neuen Fund Glückshormone auszuschütten. Daher kommt dieses gute Gefühl, nicht nur wenn wir etwas finden, sondern schon die Erwartung, dass wir das gleich finden werden, löst das Glücksgefühl schon aus und lässt uns wieder und wieder nach unseren Smartphones greifen oder dem nächsten Link folgen. Ein weiterer Aspekt ist natürlich, dass wir uns von vielleicht langweiligen oder anstrengenden Aufgaben gern versuchen zu drücken und dann verfallen wir in die Aufschieberitis, finden immer wieder Gründe, eben total interessante Artikel im Internet zu lesen, um uns nicht an unsere Aufgabe zu machen. Das alles ist zutiefst menschlich und wir sollten uns dieses Treibenlassen auch gönnen. Doch wie es immer im Leben so ist: Alles zu seiner Zeit und im richtigen Ausmaß. Wir werden versuchen, auf THE DIGNIFIED SELF auch ganz praktische Tipps zu geben, wie man sich selbst helfen kann, den Ablenkungen nicht zu erliegen, sich zu konzentrieren und die eigene Aufmerksamkeitsspanne zu verlängern.

6) Wie sieht es bei dir persönlich mit der digitalen Achtsamkeit aus, gibt es Regeln wie „3 Stunden kein Smartphone“, die du befolgst?
Heike: Ich habe für mich gelernt, dass Regeln nicht das Richtige für mich sind. Sie engen mich ein und stören mich einfach. Das heißt nicht, dass ich überhaupt keinen Regeln folge, aber ich versuche für mich, zu enge Korsetts zu vermeiden. Mit ein Grund, warum ich seit 20 Jahren selbständig bin.
Achtsamkeit praktiziere ich schon seit so vielen Jahren. Damals hieß das noch gar nicht Achtsamkeit. :D Es ist ein bewusster Umgang mit sich und seiner Umwelt. Sich selbst und alles was einem begegnet zu hinterfragen und daraufhin abzuchecken, was genau gerade passiert und sich wertfrei anzuschauen, was es für einen selbst bedeutet, je nach Antwort auf diese Betrachtung dann zu handeln. Da ich das schon so lang mache, habe ich es verinnerlicht, sozusagen automatisiert. Das gibt mir die Freiheit, ohne Regeln oder Rituale zu einem für mich perfekten Ausgleich zwischen äußeren Einflüssen und Anforderungen und meiner inneren Balance zu kommen.

7) Welche Technik hat dir bisher am meisten geholfen?
Heike: Was mir am meisten hilft ist, in mich hineinzuhören und ehrlich mit mir zu sein. Es ist manchmal schwer, sich selbst seine Gefühle oder Haltungen einzugestehen, weil sie vielleicht so nicht von allen Menschen in unserer Umgebung gewünscht werden. Doch wir alle tragen das in uns, dass wir Dinge einfach schrecklich finden, obwohl wir denken, dass andere von uns erwarten, dass wir es ganz toll finden. Selbstbewusst dazu zu stehen, dass man selbst es eben so sieht, wie man es tut und sich damit gut zu fühlen, ist das Ziel. Dann kann man gelassener sein und entscheiden, ob man seine Haltung auch anderen zeigen möchte, auch auf die Gefahr hin, auf Unverständnis zu stoßen. Genauso legitim ist es natürlich, es einfach für sich zu behalten.

8) Wir wurden von niemanden darauf vorbereitet, was durch die digitale Entwicklung an Informationsflut auf uns zukommt. Wie wichtig ist es deiner Meinung nach, das wir das für die nachfolgenden Generationen übernehmen und erste Maßnahmen bereits in der Erziehung darauf abzielen digitale Devices maßvoll einzusetzen?
Heike: Der Einsatz digitaler Technologien bei Kindern und Jugendlichen wird zurzeit höchst kontrovers und leider auch häufig sehr emotional diskutiert. Es treffen manchmal geradezu unversöhnliche Positionen aufeinander und so manche Debatte, gerade in den Social Media Kanälen, entgleitet. Ich selbst bin davon überzeugt, dass Kinder früh auf die digitalen Welten vorbereitet werden sollten und ich begrüße Initiativen, die Kindern und Jugendlichen das Programmieren näher bringen. Ziel ist es nicht, dass alle Kinder später auch Softwareentwickler werden. Es geht darum, dass jeder weiß, was hinter den glänzenden Displays geschieht, wie die Grundzüge der digitalen Welt aufgebaut sind. Das baut Ängste ab, schafft Wissen und damit die Grundlage für einen kompetenten Umgang mit diesen Technologien. Auf der anderen Seite sollten wir auf keinen Fall Kinder einfach in ihr „digitales Schicksal“ laufen lassen. Smartphones und Tablets sollen und dürfen nicht der einzige Zugang zu sozialen Beziehungen zu anderen Menschen sein. Hier sind wir alle als Gesellschaft, die Eltern, Schulen und die Kinder und Jugendlichen selbst gefordert, Dinge auszuprobieren, zu verbessern und so krank machende Nutzungen zu vermeiden. Von rigorosen Verboten, wie sie manche selbst ernannte Experten gerade fordern, halte ich jedoch gar nichts. Die Zeiten heute sind durch die Technologien nun einmal anders als wir es in unserer eigenen Kindheit erlebt haben. Dem dürfen wir „Alten“ uns nicht verschließen und ständig so tun, als wäre früher alles besser – weil analog – gewesen. 

The Dignified Self_amyslove

9) Das Projekt befasst sich auch mit mehr „Menschlichkeit in der digitalen Welt“. Beispiele wie Hasskommentare auf großen News-Websites kennen wir alle. Was liegt euch diesbezüglich am meisten am Herzen? Und wie können wir alle gemeinsam dazu beitragen, dass es auch im Netz immer menschlich zu geht?
Heike: Leider fördert der digitale Raum nicht nur die positiven Eigenschaften der Menschen zu Tage, sondern auch die schlechten. Fehlender Respekt vor dem anderen und mangelnde Empathie treffen auf den Wunsch, Recht zu haben, und schon eskaliert es. Die gefühlte Anonymität im Netz tut ihr übriges, dass Beleidigungen und Beschimpfungen hin und her fliegen. Auch hier wäre es hilfreich, wenn die Menschen achtsamer mit sich und anderen umgehen würden. Denn wenn ich mich erst frage, warum mich die Aussage von jemand anders derart in Rage bringt, erkenne ich auch meist meine eigenen blinden Flecke und die Trigger, die meine heftige Reaktion hervorrufen. Sobald ich das sehen kann, habe ich auch eine gute Chance, mich anders zu verhalten, denn ich handle nicht mehr im Affekt. Wenn es uns mit THE DIGNIFIED SELF gelingt, Menschen zu diesem selbst-bewussten Handeln gegenüber sich selbst zu bringen, haben wir viel erreicht und das Netz und die Welt ein klein wenig besser gemacht. Wir sind da sehr zuversichtlich und freuen uns auf ganz viel Unterstützung von anderen.

10) Deine Geheimtipps für eine gut Life-Balance?
Heike: Ach, die Geheimtipps überlasse ich denjenigen, die gern Ratgeberbücher schreiben. Ich bin keine Freundin der Kalendersprüche und -weisheiten. ;) Was mir in meinem Leben geholfen hat und das hört sich viel einfacher an als es wirklich ist: Erkenne und liebe Dich selbst. Das gibt Dir die Kraft und Gelassenheit, das Leben mit all seinen Auf’s und Ab’s zu schätzen und zu genießen.

 Liebe Heike, ich danke dir von Herzen für deine großartigen Antworten und deine sehr inspirierenden Worte!! Ich glaub ich lese das noch ein paar Mal durch, ganz achtsam;-) 

amyslove

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.