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KOLUMNE: Die Woche der schrägen Frauen

Was für eine Woche, was ein Ritt, was für Erlebnisse, was für Gespräche und was ist überhaupt los? Diese Woche war ich dauernd zu spät dran, renne allem hinterher und bin dauermüde. So langsam komme ich an. Ne, nicht in meiner Mitte, sondern im wahren Muttileben. Wovor mich niemand gewarnt hat? Das man dauernd angequatscht und mit den skurillsten Meinungen und Geschichten behelligt wird.

Gut gelaunt marschiere ich nach einem netten Treffen mit einer Bekannten in einen Zeitungsladen. Der Spiegel soll’s sein, ich will Karl’s Geschichte nochmal lesen, jetzt wo er nicht mehr unter uns ist. Die Dame hinter dem Tresen begrüßt uns überschwenglich, sie steht auf Kinder. Oder auch einfach nur auf Kundschaft.

„Oh, der will beschäftigt werden“, kreischt sie, nachdem sie den Zwerg in meinem Wagen zwei Minuten genauer untersucht hat.
Ja, wollen das nicht alle Kinder? Egal.
„Wissen Sie, ich finde das ja furchtbar wenn Mütter ihre Kinder so früh in die Kita geben. Die sind doch noch so klein.“
Nein, diesem bahnbrechenden Statement ging keine Unterhaltung voran, keine Frage oder irgendetwas anderes. Es bricht einfach so aus der ca. 50-jährigen Dame heraus.
„Aber ist das nicht Sache jeder einzelnen Mutter“, frage ich? „Jede Situation, jedes Leben ist anders, was für den einen falsch ist, ist für den anderen richtig.“
„Nein, die Kinder sind zu klein. Die jungen Frauen denken nur an sich. Es ist dochj wichtig, dass Kinder lange bei ihrer Mutter sind, oder nicht?“
„Ich finde es wichtig, dass Frauen alleine entscheiden dürfen ohne das ihnen eine Meinung von außen mitgegeben wird.“
Schweigen.

Nach dieser bahnbrechend starken Argumentation packe ich Karl nach unten in den Lasten, äh, Kinderwagen und schiebe davon. Das Kind schmeißt derweil sein Spielzeug aus dem Kinderwagen. Wie gut das ich jetzt weiß, dass es nur beschäftigt werden will. In der Bahn sehe ich wohl wieder so aus als wöllte ich quatschen. Eine ältere Dame neben mir, die ihren halben Hausrat auf dem Fahrrad transportiert, plappert mir ganz ungefragt ihre halbe Lebensgeschichte ins linke Ohr. Noah quiekt dazu in den höchsten Tönen mit. Es ist ein besonderes Konzert, nur für mich.

„Ja, wissen sie, meine beiden Jungs, die waren auch so schwer. Beide über 10 kg mit 8 Monaten. Also, der erste der war ganz aktiv, der ist heute auch so ein Managertyp. Immer auf Achse, nie Zeit, immer gestresst. Und der zweite, der war ganz schüchtern, wollte sich nicht viel bewegen und heute hat er nicht mal ne Freundin. Ach, und mein Rücken, ich war ganz krumm vom Tragen. Aber gestillt habe ich, beide zwei Jahre. Oh, halt, hier muss ich raus. „
Ich atme.
„Ach, nein doch noch 3 Stationen weiter. “
Ich schnappe nach Luft.
„Ich habe ja mehrere Jahre meinen Mann gepflegt, der ist 91 geworden. Den habe ich geheiratet, obwohl der Schulden hatte. Und das heißt wohl was. Heute heiraten die jungen Dinger ältere Männer ja nur wegen des Geldes. Also, die aus der Gala und so. Aber bei mir, das war wahre Liebe. Und gearbeitet habe ich, Tag aus, Tag ein.
Sie schreit. „Bis zum Ende.“
Ich weiß nicht ob sich das auf die Liebe oder die Arbeit bezieht.

Und dann steigt sie wirklich aus, erzählt noch weiter während sich die Tür schon schließt und ich winke ihr zum Abschied. Sie grinst ein zahnloses Lächeln. Die Menschen in der Bahn nicken mir mitleidig zu.
An meiner Wohnung angekommen, entscheide ich mich dazu doch noch eine Runde durch den Park vor meiner Tür zu drehen. Hatte dabei völlig vergessen das heute Tag der schrägen Frauen ist. Als ich mich auf der Bank niederlasse, kommt eine ältere Dame angestolpert.

„Hach, jetzt bin ich schon so weit gelaufen und nirgends war eine Bank. Wissen Sie, da wohnen wir in einer reichen Stadt und nirgends gibt es Bänke.“
„Ja, es könnten ein paar mehr sein“, antworte ich versöhnend.
„Ein paar, es müssten mindestens 100 mehr sein. Und pflegen müsste man die. Mit so einem Öl. Es gibt doch hier so viele ältere Leute, die müssen sich auch mal setzen. Und das in dieser Stadt, die so reich ist.“
„Hm, in dieser Stadt, die so reich ist, sind Anfang diesen Jahres auch obdachlose Menschen auf der Straße gestorben.“
„Ja, die Obdachlosen. Aber wir brauchen erst Mal Bänke.“
Da schluckt der Leser, aber so ist das in einer reichen Stadt.
„Na, und sie, so als Mutter, das ist doch anstrengend, oder? Immer dem Kind hinterher laufen?“
„Ja, es ist anstrengend. Aber es läuft ja noch nicht.“
„Ach und arbeiten sie gar nicht, wenn sie hier so sitzen?“
Ich fühle mich fast ertappt, als ob ich Schule schwänzen würde.
„Nein, also, doch, so halb. Also, wann immer es geht. Zwischendrin. Ich arbeite sowieso von zuhause aus.“
„Aha. Von Zuhause aus. Komischen Beruf haben sie.“
Auf der anderen Seite geht eine alte Frau vorbei.
„Hiiiildegard. Hiiiildegard. Meine Freundin, die Hildegard dahinten, immer hört sie so schlecht. Ich muss los!“

Und weg ist sie, die dritte verrückte, redselige Frau für diesen Tag. Ich schiebe ein paar Stationen weiter und setze mich auf eine Parkbank zu einem alten Mann, der mich eine halbe Stunde lang keines Blickes würdigt. Na, geht doch.

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Yoga und Meditation helfen mir jeden Tag dabei die beste Version meiner Selbst zu sein. Ich möchte dich dazu inspirieren, dein Leben auf den Kopf zu stellen und dich frei zu fühlen.

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